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Im Interview mit Prof. Dr. Thomas Behrends, Professor für Personal und Organisation

1. Was bedeutet Bildung für Sie?

Das ist ja gleich mal eine große Frage…
In meinen Augen erfüllt Bildung zunächst einmal (mindestens) zwei zentrale Funktionen: Zum einen befähigt sie die Einzelne/ den Einzelnen, sich selbst und die Welt sukzessive besser zu verstehen. Bildung versetzt uns in die Lage, unsere Ziele, Wünsche und Hoffnungen zu erkennen und zu reflektieren, die vielfältigen Probleme, Hindernisse und Herausforderungen, denen wir uns im Leben gegenübersehen, angemessen einzuschätzen und – darauf aufbauend – wirksame Strategien zu ihrer Überwindung bzw. zu ihrer Lösung zu entwickeln – oder manches eben notgedrungen auch einfach nur zu ertragen. Insofern ist Bildung eine (wenn nicht die) wesentliche Grundlage für das individuelle Streben nach Glück, Zufriedenheit und Selbstverwirklichung. Darüber hinaus wohnt der Bildung aber vor allem auch eine sehr bedeutsame soziale Funktion inne: Sie ist gewissermaßen das „Lebenselixier“ pluralistischer, demokratisch verfasster Gesellschaften. Eine Demokratie bietet den Menschen ja nicht nur viele Annehmlichkeiten und Freiheiten, sie bürdet ihnen auch eine große Verantwortung auf. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist ein gewisses Maß an Bildung unverzichtbar. Denn Bildung befördert unsere Fähigkeit, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, kluge Argumente von wohlfeilen Parolen zu unterscheiden, und sich die Welt auch mal anders vorzustellen, als sie gegenwärtig ist. Entgegen dem, was einem der bildungspolitische Zeitgeist heutzutage bisweilen suggerieren mag, ist Bildung also weit mehr als bloß „Mittel zum Zweck“. Sie ist ein hoher Wert, ein prinzipiell unerreichbares, aber doch auch ausgesprochen ehrenwertes Lebensziel.

2. Was zeichnet einen gebildeten Menschen (heute und in Zukunft) aus? Was eine gebildete Gesellschaft?

Ich denke, die Antworten auf diese Fragen sind ziemlich zeitlos. Meiner Ansicht nach zeichnen sich wahrhaft gebildete Menschen vor allem durch ihre Bescheidenheit aus. Denn die tiefgreifendste Einsicht, zu der man im Zuge einer ausgeprägten Bildungsbiografie gelangt, ist im Grunde die Erkenntnis, dass man eigentlich (fast) nichts weiß. Daran hat sich seit Sokrates bis heute eigentlich wenig geändert. Insofern ist „echte“ Bildung auch eine überaus günstige Voraussetzung für die Entwicklung von Toleranz, Empathie, Kritik- und Kommunikationsfähigkeit.
Den Bildungsgrad einer Gesellschaft würde ich dementsprechend daran festmachen wollen, wie sie die ihr unweigerlich inhärenten gesellschaftlichen Konflikte handhabt. Und so gesehen gibt es überall auf der Welt – auch in den vermeintlich hochentwickelten und aufgeklärten Gesellschaften westlicher Prägung – noch eine ganze Menge Luft nach oben…

3. Was wird die Zukunft der Bildung bestimmen? (Inhalte?, Medien?, Marketing?, Kapital?, Politik?, Gesellschaft? Jeder Einzelne selbst? …)
Angesichts des nach wie vor engen Zusammenhangs zwischen dem Erwerb formaler Bildungsabschlüsse und den Aussichten auf individuellen materiellen Wohlstand bin ich diesbezüglich nur bedingt optimistisch. Daraus resultiert ein unerfreulich instrumentalistisches Bildungsverständnis, das über weite Strecken kaum mehr hinterfragt zu werden scheint. Und auch die weiter fortschreitende
Seite 2 Unterwerfung unseres Bildungssystems unter im Kern ökonomisch begründete Bewertungsmaßstäbe steht einer allmählichen Annäherung an ein stärker humanistisch begründetes Bildungsideal in meinen Augen eher entgegen.

4. Was müssen wir Menschen in einer überinformierten Welt wirklich wissen?
Es wäre bereits einiges erreicht, wenn uns zumindest bewusst wäre, dass a) „Informationen“ absolut kein Synonym für „Wissen“ darstellen und b) „Ausbildung“ nicht mit „Bildung“ verwechselt werden sollte. Das wäre schon mal eine ganz gute Basis.

5. Was wäre eine ideale Bildung?
Meine Vorstellung einer „idealen Bildung“ dürfte sich wohl in groben Zügen aus meinen voranstehenden Antworten erschließen lassen.

6. Was tun Sie für die Zukunft der Bildung?
Ich lehre und forsche als Universitätsprofessor an einem wirtschaftswissenschaftlichen Institut, also gewissermaßen an einem echten Kristallisationspunkt des Spannungsfelds von Ökonomie und Bildung. Das ist zuweilen schon eine Herausforderung, zumal den Studierenden der Betriebswirtschaftslehre bzw. Managementwissenschaften ja nicht unbedingt ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen und Problemen nachgesagt wird. Dessen ungeachtet versuchen wir hier an der Europa-Universität Flensburg die jungen Menschen nicht bloß zu „willfährigen Organisationsbürgern“ auszubilden, sondern sie in erster Linie zu befähigen, die Welt im Allgemeinen, die betriebliche Praxis im Speziellen und schließlich auch sich selbst mit der gebotenen kritischen Distanz zu reflektieren.
Und manchmal klappt das sogar.

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Prof. Dr. Thomas Behrends, 
Professor für Personal und Organisation