.

Interview mit Dr. phil. Norbert J. Heigl, Präsident an der H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst.

1. Was bedeutet Bildung für Sie?
Bildung ist ein wesentlicher Bestandteil der Handlungskompetenz eines Menschen. Bildung ist aus meiner Sicht ein Zusammenspiel verschiedenster Wissens- und Anwendungselemente mit dem Ziel, die eigene Lebenswelt und das Agieren darin besser verstehen zu können. Aus diesem Verständnis heraus können dann mehrere unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten entstehen, die den Menschen in seinem Interagieren mit anderen sicherer macht. Da eine Lebenswelt grundsätzlich mit einer dementsprechenden Kultur verbunden ist, hat Bildung automatisch die Aufgabe, kulturelle Aspekte miteinzubeziehen. Allerdings würde ich Wissen alleine noch nicht als Bildung bezeichnen, denn erst das Einordnen der Wissensbausteine in übergeordnete Zusammenhänge und Abhängigkeiten verbunden mit einer individuellen Wertung dieser Erkenntnisse, die zu einer fundierten Meinung führen, macht Bildung aus.

2. Was zeichnet einen gebildeten Menschen (heute und in Zukunft) aus? Was eine gebildete Gesellschaft?
Ein gebildeter Mensch sollte eigentlich über eine hohe Toleranzfähigkeit verfügen, da er durch seine individuelle Ausprägung von Bildung leicht einordnen kann, dass es in der Regel nicht nur eine Sicht der Dinge, sondern dass es viele Perspektiven der gleichen Sache gibt, die darüber hinaus für sich gesehen auch noch richtig erscheinen können. Auf die oft zitierten Lebenssinnfragen: „Woher komme ich, was bin ich und wohin gehe ich?“ findet ein gebildeter Mensch leichter Antworten, die auf seinen individuellen Erkenntnissen basieren und nicht nur kopiert und nachgesprochen sind. Damit sollte ein gebildeter Mensch weniger anfällig für dominante Meinungsbildner sein, die einem ein Denken überstülpen wollen, ob bei Aspekten der Politik, Gesellschaft, Religion etc.
Eine gebildete Gesellschaft sollte in der Lage sein, aus über Kulturepochen hinweg gewonnenen Erkenntnissen Lehren zu ziehen, um nicht dieselben Fehler immer wieder zu machen um damit das Leben stetig zu verbessern. In diesem Sinne ist Bernhard von Chartres im Recht, wenn er sagt, dass wir gleichsam wie Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen sitzen.

3. Was wird die Zukunft der Bildung bestimmen? (Inhalte?, Medien?, Marketing?, Kapital?, Politik?, Gesellschaft? Jeder Einzelne selbst? …)
Die Zukunft der Bildung wird sich immer im Wechselspiel all dieser genannten Elemente bewegen und das eine Mal mehr von der einen Seite und das andere Mal mehr von den anderen Aspekte gesteuert werden. Sobald der Leidensdruck einer Gesellschaft steigt – beispielsweise aufgrund wirtschaftlicher Krisensituationen – wird Bildung mehr von einem wirtschaftlichen Nutzenverständnis gesteuert werden. Befindet sich die Gesellschaft in einem politisch wie wirtschaftlich sicherem Terrain, dann „leistet“ man sich den Luxus, besondere Inhalte zu forcieren, die beispielsweise mehr explizit kulturelle Aspekte betrachten. Der Einzelne wird seinen individuellen Bildungsprozess zum einen danach ausrichten, welches Menschen- und damit auch –Bildungsbild ihm zuhause vorgelebt wurde und zum anderen, wie einfach der Zugang zu Bildung ist.

4. Was müssen wir Menschen in einer überinformierten Welt wirklich wissen?
Wir sollten wissen, ob man der Quelle des gesuchten Wissens wirklich vertrauen kann, ob diese Quelle von einer bestimmten Seite beeinflusst wird und nicht nur wie schnell man daran kommt. Die exponentielle Ausweitung von Wissensquellen wird so weitergehen. Das Wissen-Brokering, also welches Wissen nun wirklich sinnvoll ist und einen bei seinen persönlichen Herausforderungen weiterbringt, wird an Bedeutung gewinnen. Meiner Ansicht nach steigt die Gefahr der Manipulationsmöglichkeiten als Folge der Datenflut permanent an, obwohl man das Gefühl hat, mehr zu wissen und damit unabhängiger von Meinungen zu sein. Grundsätzlich kann man nie genug wissen. Das was Wissen ausmacht, ist eigentlich der „Wissendurst“ nach neuem Wissen. Wir leben in einer sehr komplexen Lebenswelt und nicht alleine auf einer Insel. Von daher sollten wir auch diese Komplexität für uns erschließen und verstehen können. Wenn man sich die Frage nach dem „Wissen müssen“ stellt, dann müsste man im Sinne Darwins antworten: Man muss das wissen, was uns überleben lässt.

5. Was wäre eine ideale Bildung?
Wenn man Kindern von klein an eine möglichst breite Lernwelt ermöglichen würde, die spannend wirkt und den kleinen Menschen von Anfang an den Spaß am Erkenntnisgewinn vermittelt. Lernen sollte ein Leben lang Freude machen und ich meine dies nicht im Sinne von Edutainment, sondern dass die intrinsische Lernmotivation so hoch ist, dass der immer wieder zitierte Wunsch vom lebenslangen Lernen tatsächlich gelebt werden würde.
Somit würde sich die ideale Bildung im Sinne einer großen Vielfalt ergeben, weil Bildung ja sehr individuell ausgeprägt ist. Diese Vielfalt verbunden mit der erlernten Fertigkeit, das Wissen eines Fachgebietes in ein anderes zu übertragen, die Zusammenhänge zu erkennen und daraus eine eigene Erkenntnis abzuleiten, wäre für mich ideale Bildung.

6. Was tun Sie für die Zukunft der Bildung?
Wir bemühen uns an der Hochschule, die Studiengangs-Programme so auszurichten, dass eine interessante Vielfalt entsteht, die auch fachübergreifende Kombinationen ermöglicht. So gibt es in unserem Hause beispielsweise den Bachelorstudiengang „Life Coaching“, der neben psychologischen Inhalten, ebenso medizinische, ökotrophologische, philosophische und ökonomische Fächer beinhaltet, um unterschiedliche Lebensanforderungen professionell begleiten zu können.
In diesem Zusammenhang ist besonders auch der Studiengang „Interdisciplinary Studies“ zu nennen. Ziel des Studiums ist es, die in modernen Berufsfeldern erforderlichen inhaltlichen Grundlagen und Fähigkeiten aus den Bereichen Naturwissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur zu erlangen, um angemessene Lösungskonzepte für die komplexen Fragestellungen der beruflichen Praxis entwickeln und anschließend erfolgreich umsetzen zu können. Darüber hinaus legen wir großen Wert auf Schlüsselqualifikationen, die die Methodenkompetenz der Studierenden besonders fördert.

Heigl-0189_cn anzug porträt 4

Dr. phil. Norbert J. Heigl,
Präsident an der H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst.